Vier von fünf Mitholzer wollen dauerhaft wegziehen, wenn …

Ergebnisse der Mitwirkung der Bevölkerung und Behörden

Die Räumung des ehemaligen Munitionslagers Mitholz hat einschneidende Auswirkungen für die Bevölkerung und das Gewerbe in Mitholz und im Kandertal. Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) hat daher eine Mitwirkung zum Vorhaben durchgeführt, damit sich die Betroffenen äussern können, bevor Entscheide getroffen werden. Ein Bericht fasst die Resultate der Mitwirkung nun zusammen. Die Ergebnisse fliessen in die weiteren Arbeiten ein.

Von Ende Februar bis Ende Mai 2020 hat das VBS eine Mitwirkung zum Konzept der Räumung der Munitionsrückstände aus dem ehemaligen Munitionslager Mitholz durchgeführt. Angesichts der weitreichenden Konsequenzen war es allen Behörden ein Anliegen, dass sich die Bevölkerung und das Gewerbe dazu äussern können. Die Resultate der Mitwirkung liegen nun vor und werden in einem Bericht detailliert dargelegt.

Grosse Belastung für die Bevölkerung von Mitholz

Wie die Auswertung ergeben hat, stösst das installierte Mess- und Alarmierungssystem auf grosse Akzeptanz. Auch die Notfallplanung und die Kommunikation der Behörden erhalten mehrheitlich gute Noten. Hingegen beurteilt die Bevölkerung von Mitholz die Betroffenheit und die Belastung durch die Räumung als sehr gross: 72 % der Antwortenden geben an, dass sie dadurch eine mittlere, grosse oder sehr grosse Beeinträchtigung der Lebensqualität haben. Zudem hat die Räumung für den weitaus grössten Teil der Antwortenden in Mitholz Auswirkungen auf die Zukunftsplanung. Die Nachvollziehbarkeit des Räumungskonzepts wird unterschiedlich beurteilt. Insbesondere die lange Dauer stösst auf Kritik. In Mitholz beurteilt rund die Hälfte der Antwortenden die als Option aufgeführte Überdeckung, die nur realisiert werden soll, falls eine vollständige Räumung nicht möglich ist, als positiv. Im restlichen Kandergrund beurteilt die Mehrheit eine Überdeckung als negativ. In Kandersteg beurteilen sie rund zwei Drittel als positiv.

Schutzbauten an Gebäuden und Sperrung von Verkehrswegen nicht tragbar

Bereits bei einem Evakuierungszeitraum von mehr als einem Jahr würde gut die Hälfte der Antwortenden aus Mitholz wegziehen, bei zehn Jahren sind es mehr als 80 %. Eine Mehrheit der Antwortenden möchte bei einem Wegzug jedoch in der Region bleiben. Vom VBS werden dabei Unterstützung und umfassende finanzielle Entschädigung erwartet. Die grosse Mehrheit beurteilt Schutzbauten gegen die Auswirkungen von potenziellen Explosionen an den Liegenschaften als nicht zumutbar. Ebenso wird die Tragbarkeit von Sperrungen des Strassen- oder Schienenverkehrs als sehr gering beurteilt. Insbesondere die kantonalen und lokalen Behörden sowie die Tourismuskreise fordern nachdrücklich, dass die Verkehrsverbindungen ununterbrochen mit der heutigen Kapazität zur Verfügung stehen. Die Schutzbauten für die Bahnlinie stossen mit Ausnahme der unmittelbar Betroffenen auf sehr grosse Zustimmung. Bei den Schutzmassnahmen für die Strasse besteht auf allen Seiten eine klare Präferenz für eine Untertunnelung oder neue Linienführung, um Mitholz dauerhaft vom Durchgangsverkehr zu entlasten. Die Behörden, die in der Arbeitsgruppe Mitholz vertreten sind, äussern sich in ihren Stellungnahmen grundsätzlich zustimmend zum Räumungskonzept und sichern zu, die bisherige Zusammenarbeit fortzuführen. Die Räumung der Munitionsrückstände als Ziel wird nicht in Frage gestellt.

Resultate fliessen in die weiteren Arbeiten ein

Die Ergebnisse der Mitwirkung bilden eine wertvolle Grundlage insbesondere für die Unterstützung der Bevölkerung. Sie fliessen in den Bericht des Projekts „Variantenevaluation Mitholz“ ein, der eine Grundlage für den Antrag an den Bundesrat bilden wird. Bis im Herbst wird zudem die Risikoanalyse aus dem Jahr 2018 mit den neu gewonnenen Erkenntnissen aktualisiert. Auf der Basis dieser Grundlagen ist vorgesehen, dass der Bundesrat voraussichtlich im vierten Quartal 2020 über das weitere Vorgehen zur Risikoreduktion im ehemaligen Munitionslager Mitholz entscheidet.

Bevölkerung und Gewerbe zur Mitwirkung eingeladen

Zur Mitwirkung hatte das VBS die Bevölkerung und die Gewerbebetriebe von Kandergrund und Kandersteg sowie auswärtige Eigentümer und Eigentümerinnen von Liegenschaften in Mitholz eingeladen. Hierzu wurde den Haushalten ein Fragebogen per Post zugesandt, welcher online oder auf Papier ausgefüllt werden konnte. Von 108 versandten Fragebogen an die Einwohnerinnen und Einwohner von Mitholz wurden 61 ausgefüllte retourniert (Rücklaufquote 56 %), aus der restlichen Gemeinde Kandergrund kamen von 310 Fragebogen 53 ausgefüllte zurück (Rücklaufquote 17 %) und in Kandersteg wurden von 750 189 Fragenbogen eingereicht (Rücklaufquote 25 %). Die Rückmeldungen wurden von der Firma ecoplan AG ausgewertet. Das VBS hat die Mitwirkung mit Informationsanlässen in Kandergrund (25. Februar 2020) und in Kandersteg (26. Februar 2020) gestartet. Zur Unterstützung der besonders betroffenen Bevölkerung von Mitholz hat es am 7. März 2020 in der Turnhalle in Mitholz eine Informationsplattform veranstaltet und im Mai 2020 Sprechstunden für individuelle Gespräche angeboten.

Link zum Download der Mitwirkungsergebnisse © VBS

VBS-Standbericht Juni 2020

Das VBS hat seinen aktuellen Standbericht zu den laufenden Arbeiten veröffentlicht. Ein Schwerpunkt ist das Überwachungs- und Alarmierungssystem, das angepasst und teilweise ausgewechselt wurde. Hier gehts zum PDF.

Wirds farbig in Mitholz?

Medienmitteilung des VBS: Hydrologische Versuche mit Markierflüssigkeit im ehemaligen Munitionslager Mitholz

Bern, 08.05.2020 – Um genauere Informationen zu den hydrogeologischen Verhältnissen im ehemaligen Munitionslager Mitholz zu erhalten, führt das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS am Montag, 11. Mai 2020, Markierversuche durch. Damit können die Grundwasserfliesswege ermittelt und genauere Aussagen über die mögliche Ausbreitung von Schadstoffen gemacht werden.

Die Wasserflüsse durch das ehemalige Munitionslager Mitholz und in der Umgebung sind bis heute weitestgehend unbekannt. Die bisherigen Vorstellungen zu den hydrogeologischen Bedingungen innerhalb und ausserhalb der Anlage sollen mit Markierversuchen überprüft und konkretisiert werden. Dank den aktuellen Niederschlagsverhältnissen kann das VBS am Montag, 11. Mai 2020, in Zusammenarbeit mit externen Fachexperten die hydrologischen Markierungsversuche durchführen. Die Experten erhoffen sich davon Aufschlüsse über die Fliessrichtung und die Fliessgeschwindigkeit des Grundwassers. Festzuhalten ist, dass bei den bisherigen Untersuchungen keine Hinweise auf eine Gefährdung des Grundwassers, der Kander und des Stägebachs ausgehend von den Munitionsrückständen festgestellt wurde.

Zudem erlauben es die Versuche, eine mögliche Ausbreitung von Schadstoffen zu simulieren. Diese Informationen bilden eine wichtige Grundlage für Interventionsmassnahmen, die im Rahmen von Bauarbeiten standardmässig präventiv geplant und im Notfall umgesetzt werden. Damit will das VBS bei den Arbeiten zur Risikoreduktion im ehemaligen Munitionslager den Schutz des Wassers gewährleisten.

Bei den Markierversuchen geben die Fachleute zwei verschiedene Markierflüssigkeiten an zwei Standorten innerhalb der Anlage aus und spülen jeweils 1000 Litern Wasser nach. Anschliessend werden an insgesamt 12 Messstellen in der Umgebung, darunter beispielsweise in der Kander, Wasserproben entnommen und auf den Gehalt an Markiersubtanzen untersucht. Aus der Zeitdauer, bis die Markierstoffe an den Messstellen nachgewiesen werden können, und deren Konzentration können Rückschlusse auf die Wasserfliesswege gezogen werden. Die Beprobungen werden so lange durchgeführt, bis der Durchlauf der Markierstoffe erfolgt ist.

Bei den Markierflüssigkeiten handelt es sich um Uranin und Sulforhodamin B, zwei gängige Stoffe bei hydrologischen Markierversuchen. Aufgrund ihrer Eigenschaften färben sie das Wasser stark grün (Uranin) und violett (Sulforhodamin B). Sie sind geschmack- und geruchlos, ungiftig und somit harmlos für die Umwelt.

Wegen Coronavirus: Mitwirkung wird verlängert

Ende Februar 2020 informierte das VBS die betroffene Bevölkerung über das Konzept zur Räumung des ehemaligen Munitionslager Mitholz und eröffnete eine Mitwirkung. Die Bewohnerinnen und Bewohner, die lokale Wirtschaft sowie die Behörden können sich zu den Auswirkungen der vorgesehenen Räumungsarbeiten äussern.

Aufgrund der ausserordentlichen Lage im Zusammenhang mit dem Coronavirus kann unter anderem die geplante Sprechstunde für die Bevölkerung von Kandergrund nicht durchgeführt werden. Zudem ist der soziale Austausch sehr eingeschränkt, so dass die Meinungsbildung nicht mehr ohne Weiteres gewährleistet werden kann.

Weil das VBS der betroffenen Bevölkerung angemessene Bedingungen für die Mitwirkung bieten will, wird die Frist für die Eingabe der Fragebogen und die persönlichen Rückmeldungen bis zum 29. Mai 2020 verlängert. Die Sprechstunde soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.

Weiterhin vorgesehen ist, dass sich der Bundesrat noch im laufenden Jahr mit dem weiteren Vorgehen befasst.

Vorbildlich seit Juni 2018

Die folgende Analyse stammt von Marc Pollmeier aus dem «Frutigländer» von Freitag, 6. März 2020. Merci für die Erlaubnis zum Publizieren.


Der Fall Mitholz müsste eigentlich «Affäre Mitholz» heissen: Ein Dorf wird entvölkert, eine wichtige Verkehrsachse gefährdet, es entstehen Milliardenkosten. Doch wie es zu all dem kam, scheint kaum jemanden zu interessieren. Selbst das Parlament hat für die Vorgeschichte wenig mehr übrig als ein Schulter zucken. Braucht es eine gesonderte Untersuchung?

„Vorbildlich seit Juni 2018“ weiterlesen

25.02.2020: Das Dorf soll geräumt werden

Nicht nur die Munition, auch das Dorf soll geräumt werden. Während die Vorbereitungsphase für die Munitionsräumung mit rund zehn Jahren angegeben wird, soll anschliessend die Bevölkerung von Mitholz während weiteren rund zehn Jahren ihr Dorf verlassen. 

Das hat das VBS am 25. Februar 2020 bekannt gegeben. Die Information, wie sich das VBS die Lösung des Sprengstoffproblems vorstellt, wurde gespannt erwartet. Mit diesen Aussagen hat aber kaum jemand gerechnet. 

Link zur Medienmitteilung des VBS

Erster Mitholz-Vortrag stösst auf Interesse

Den ersten Anlass der Vortragsreihe 2020 des Vereins Schweizer Armeemuseum in Thun bestritt am 22. Januar 2020 Hans Rudolf Schneider, Autor des Buches «Die Schreckensnacht von Mitholz». Gegen 100 Interessierte füllten den Vortragssaal bis zum letzten Sitzplatz und liessen sich über den aktuellen Stand beim 1947 explodierten Munitionsmagazins in Mitholz aufdatieren. Im Februar muss das VBS aufdecken, wie es sich die Räumung der damals nicht entsorgten Munition vorstellt.

Schwerpunkt des Vortrages war jedoch die abwechslungsreiche Geschichte der nach dem Unglück weitergenutzten unterirdischen Anlage bis in die heutige Zeit. Vom Lager über ein Basisspital bis zur Armeeapotheke mit einer Pharmafabrik gehen die geplanten, gestoppten oder realisierten Projekte. Diese wurden vom Referenten mit seltenen Bildern, Plänen und Grafiken erklärt und mit Detailinfos und Anekdoten ergänzt.

Im Anschluss entwickelte sich eine spannende Frage- und Diskussionsrunde, bei der Munitionsspezialisten, ehemalige WK-Soldaten als Nutzer der verschiedenen Anlageteile und Anwohner von Mitholz ihre Kenntnisse und Meinungen austauschten.